Tauchtheorie - theoretische Grundlagen des Tauchens
Einführung
In den letzten Jahrzehnten sind die Todesfälle im Tauchsport erfreulicherweise
dramatisch gesunken. Ein Grund dafür liegt wahrscheinlich in der
umfassenderen und solideren Ausbildung. Tauchorganisationen bieten heute
nicht nur Erste Hilfe- und Rettungskurse an, sondern auch Ausbildungen
im Technischen Tauchen.
Untersuchungen haben gezeigt, dass erfahrene Taucher weniger Unfälle
haben, da sie weniger schnell in Panik geraten, wenn sie in Stressituationen
geraten. Panik ist wahrscheinlich die häufigste Ursache für
ernsthafte Unfälle und Todesfälle.
Um Tauchrisiken einschätzen zu können, muss man Tauchausbildung,
Erfahrung, Tauchplatz, Tauchtiefe und Tauchunfälle einer Person betrachten.
Auch ist die Krankengeschichte eines Tauchers ein wichtiger Bestandteil
einer Risikoeinschätzung.
Gewisse Krankheiten erhöhen die möglichen Gefahren des Tauchens.
Untersuchungen von tödlichen Tauchunfällen haben gezeigt, dass
folgende Punkte die Tauchfitness einer Person stark einschränken
können:
- schweres Asthma oder andere ernsthafte Erkrankungen der Atemwege
- Herzkrankheiten, Bluthochdruck
- Diabetes
- psychologische Probleme (Angstzustände, Panik)
- Alkohol-/Drogenmissbrauch
- Selbstüberschätzung, unüberlegtes Handeln
Die folgenden Beschreibungen von möglichen Gefahren und Tauchunfällen
könnten den Eindruck aufkommen lassen, dass Tauchen eine extrem gefährlicher
Sport ist. Wahr ist, dass Tauchen einige Gefahren mit sich bringt und
schwerwiegende Komplikationen nach sich ziehen kann. Trotzdem sind Unfälle
und besonders Todesfälle sehr selten. Gutes Training und striktes
Einhalten der Tauchregeln machen das Tauchen zu einer Sportart wie jede
andere auch. Im Gegensatz zum Sporttauchen
beinhaltet das Technische
Tauchen jedoch ein grösseres Risiko.
Tauchphysik
Der menschliche Körper ist darauf zugeschnitten unter atmosphärischen
Bedingungen zu leben. Er braucht Luft von einem bestimmten Druck, einer
gewissen Feuchtigkeit und Temperatur. Der Körper ist für Unterwasserbedingungen
nicht geschaffen und ist deshalb grösseren Gefahren ausgesetzt als
an Land.
Gaseigenschaften
Materie existiert in drei physikalischen Grundzuständen: als
Gas, Flüssigkeit oder feste Materie.
Feste Materie ändert ihren Zustand nicht, wenn ein erhöhter
Druck angewendet wird.
Flüssigkeit hat ein relativ konstantes Volumen. Das Volumen
ändert sich unter hohem Druck kaum. In einer Flüssigkeit breitet
sich der Druck in alle Richtungen aus. Deshalb haben Körperflüssigkeiten
beim Tauchen denselben Druck wie das umgebende Wasser.
Gase verhalten sich anders als Flüssigkeiten und feste Materie.
Sie können unter Druck komprimiert werden und dehnen sich wieder
aus, wenn der Druck nachlässt. Unsere Atemluft ist ein Gemisch von
verschiedenen Gasen. Es besteht zu 79% aus Stickstoff und zu 21% aus Sauerstoff.
Ein geringer Anteil der Luft besteht zudem aus Kohlendioxid, Edelgasen,
Wasserdampf und Kohlenmonoxid.
Gasgesetze
Das Gesetz von Boyle-Mariotte
Es besagt, dass bei konstanter Temperatur, das Volumen eines
Gases sich umgekehrt proportional zu seinem absoluten Druck verändert.
Die Dichte des Gases ändert sich dabei proportional zum absoluten
Druck. Anders ausgedrückt: das Volumen verringert sich, wenn der
Druck ansteigt und steigt an, wenn der Druck nachlässt. Verdoppelt
man den Druck auf einen Luftballon indem man ihn z. B. unter Wasser drückt
(in diesem Fall indem man ihn auf eine Tiefe von 10 Metern bringt), dann
verringert sich sein Volumen (seine Grösse) auf die Hälfte.
Die Luft im Ballon ist dabei zweimal dichter geworden. Lässt man
ihn wieder los, wird er nach oben schnellen, wo der Umgebungsdruck geringer
ist und er sich so wieder ausdehnen kann.
Der Umgebungsdruck auf der Erde beträgt ca. 1 bar (auf Meereshöhe).
In 10 Metern Tiefe kommt der zusätzliche Druck der Wassersäule
von 1 bar hinzu. Auf 10 Metern Tiefe erfährt ein Taucher deshalb
einen absoluten Druck von 2 bar. Auf 20 Metern beträgt der Druck
entsprechend 3 bar, auf 70 Metern 8 bar.
Das Gesetz von Dalton
Die einzelnen Gase eines Gasgemisches tragen zum totalen Druck im Verhältnis
zu ihren Volumina bei. Der Druck eines Gases in einem Gasgemisch nennt
man Partialdruck. Die Summe aller Partialdrücke ergibt den totalen
Druck des Gasgemisches.
Gesetz von Henry
Gase neigen dazu, sich in Flüssigkeiten im Verhältnis zu ihren
Partialdrücken aufzulösen. Wobei die Solubilität vom Solubilitätskoeffizienten
und der Temperatur der Flüssigkeit abhängt. Je niedriger die
Temperatur und je grösser der Druck, um so mehr Gas wird gelöst.
Wenn der Druck fällt oder die Temperatur ansteigt, wird das vorher
gelöste Gas wieder aus der Lösung austreten (Champagner Effekt).
Der Solubilitätskoeffizient selbst hängt vom Gastyp und der
Art der Flüssigkeit ab. Das Gesetz kommt nur dann zur Anwendung,
wenn keine chemischen Reaktionen zwischen den beteiligten Gasen und Flüssigkeiten
ablaufen.
Während des Tauchgangs tritt ein Teil des Atemgases in die Körperflüssigkeiten
durch oben genannten Prozess. Dieser Austausch zwischen Gas und Flüssigkeit
findet an der Lungenoberfläche statt. Im Körper wird das gelöste
Gas dann weiter über den Kreislauf verteilt und gelangt so in unterschiedlicher
Konzentration in verschiedene Körpergewebe, wo es sich langsam ansammelt.
Die Sättigung (Gleichgewicht zwischen äusserem und innerem Gasdruck)
wird beim Sporttauchen nicht erreicht. Beim Auftauchen werden die gelösten
Gase vom Gewebe abgegeben und über das Blut zurück in die Lunge
gebracht, wo sie ausgeatmet werden.
Der Prozess der Gaselimination braucht einige Zeit. Beim Dekompressionstauchen
(Nichtsporttauchen) werden deshalb Stopps auf 3, 6 und 9 Metern (oder
weiteren) ausgeführt, um den Druckunterschied zwischen inneren und
äusseren Gasen in Grenzen zu halten und um dadurch die Dekompressionskrankheit
zu vermeiden. Wenn der Druckunterschied zu gross wird können sich
Mikroblasen im Blut bilden, die embolieartige Zustände auslösen
können.
Eigenschaften von Wasser
Dichte
Wasser ist 770 mal dichter als Luft. Ein Liter Luft wiegt ca. 1.3 Gramm;
ein Liter Wasser 1 Kilo. Die Dichte von Flüssigkeiten erhöht
sich im Allgemeinen bei sinkender Temperatur. Wasser bildet jedoch eine
Ausnahme, da es bei 4 Grad Celsius die grösste Dichte aufweist.
Sehen unter Wasser
Die grössere Dichte von Wasser bewirkt bei einer Person ohne Schwimmbrille
oder Tauchermaske, dass die Lichtstrahlen hinter der Netzhaut gebrochen
werden (ähnlich wie bei einer weitsichtigen Person, die das Auge
auf ein nahe gelegenes Objekt richtet). Trägt der Taucher eine Maske,
wird das Licht auf der Netzhaut gebrochen und es entsteht ein scharfes
Bild. Der Übergang des Lichts von Wasser über Glas zu Luft lässt
uns Objekte jedoch 25% grösser sehen oder 30% näher als sie
tatsächlich sind.
Sprechen und hören unter Wasser
Der menschliche Sprechapparat ist darauf angepasst, Luft mit atmosphärischem
Druck als Transportmittel für den Schall vorzufinden. Verbale Kommunikation
kann deshalb unter Wasser nicht erfolgen. Wasser verbreitet Schall 4 mal
schneller als Luft. Geräusche sind unter Wasser deshalb klarer und
können über weitere Strecken wahrgenommen werden als an Land.
Es ist jedoch auch schwieriger den Ursprung des Geräusches festzumachen.
Wärmeleitung im Wasser
Wärme breitet sich im Wasser viel leichter aus als in der Luft. Abgesehen
von einigen tropischen Gewässern, haben die Meere viel tiefere Temperaturen
als der menschliche Körper. Ohne einen Tauchanzug würde die
Temperatur eines Tauchers sehr schnell absinken, da auch die wärmeren
Gewässer unter der menschlichen Körpertemperatur liegen. Längere
Tauchgänge oder Tauchgänge in kalten Gewässern können
deshalb ohne den richtigen Anzug zu Hypothermie (Unterkühlung) führen.
Wasser und Licht
Das menschliche Auge kann nur einen kleinen Teil aus der Breite elektromagnetischer
Wellen wahrnehmen (zwischen 400 und 760 Nanometer). Das Auge sieht Farbe
abhängig von der Wellenlänge des Lichts. Weiss wird wahrgenommen,
wenn alle Wellenlängen sichtbaren Lichts vorhanden sind.
Wasser absorbiert Licht nach vorhersehbaren Regeln. Je grösser die
Tiefe, desto mehr Licht wird vom Wasser absorbiert. Zuerst werden die
Wellenlängen am roten Ende des Spektrums heraus gefiltert, d.h. die
Farbe Rot verschwindet schon ab einer geringen Tiefe, darauf folgen Orange
und Gelb. Rote, orange und gelbe Gegenstände nehmen dann mit zunehmender
Tiefe eine gräuliche oder schwarze Farbe an.
Auswirkungen von Atemgasen auf den Taucher
Stickstoffnarkose (Tiefenrausch)
Das Phänomen der Stickstoffnarkose ist bis jetzt relativ wenig erforscht.
Der Hauptfaktor scheint der hohe Partialdruck von Stickstoff zu sein.
Unter hohem Druck löst sich Stickstoff fünf mal schneller ins
Fettgewebe als unter Normalbedingungen. Dies kann das zentrale Nervensystem
so beeinträchtigen wie es Alkohol oder gewisse Drogen tun. Symptome
wie Euphorie, ein beeinträchtigtes Urteilsvermögen oder Schläfrigkeit
können in Erscheinung treten. Das Ausmass der Symptome ist von der
jeweiligen Tauchtiefe und von der Verfassung des Tauchers abhängig.
Der Einfluss der Stickstoffnarkose kann von Taucher zu Taucher stark variieren.
Generell setzt sie ab ca. 30 Metern ein und verstärkt sich mit zunehmender
Tiefe. Die Stickstoffnarkose ist insofern gefährlich, als sie das
Urteilsvermögen des Tauchers beeinträchtigt, die Konzentrationsfähigkeit
wie auch die Entschlussfähigkeit eingrenzt. Dies kann zu irrationalem
Handeln führen und unter Umständen tödlich enden. Die Symptome
der Stickstoffnarkose lassen in dem Moment nach, wo der Taucher einige
Meter aufsteigt. Die Wahrscheinlichkeit einer Stickstoffnarkose wird durch
Alkoholgenuss, Drogen, Stress, Müdigkeit und Hypothermie verstärkt.
Sauerstoffvergiftung
Die Sauerstoffvergiftung kommt sehr selten vor. Die technischen Tauchorganisationen
empfehlen den Sauerstoffpartialdruck von 1.6 bar nicht zu überschreiten.
Dieser Wert entspricht einer Tiefe von 66 Metern, wenn normale Pressluft
geatmet wird. Da diese Tiefe sowieso weit ausserhalb der maximalen Tauchtiefen
für Sporttaucher liegt (40 Meter), wird diese Grenze nie erreicht.
Tauchgänge mit einem Atemgemisch von höherem Sauerstoffanteil
als 21% (Nitroxtauchen, technisches Tauchen) müssen in ihrer Planung
die mögliche Sauerstoffvergiftung miteinbeziehen, d.h. z. B. ihre
maximale Tauchtiefe oder ihre Tauchzeit verringern. Auch die Sauerstoffvergiftung
kann durch Müdigkeit, Kälte, Krankheit und Medikamente negativ
beeinflusst werden. Die Symptome der Sauerstoffvergiftung sind Schwindel,
Sehstörungen, Unruhe, Klingeln im Ohr, Muskelkrämpfe etc. Die
Krämpfe um Mund und Lippen können dazu führen, dass der
Taucher ertrinkt. Im Gegensatz zur Stickstoffnarkose kann die Sauerstoffvergiftung
nicht einfach durch Auftauchen behoben werden und kann deshalb viel drastischere
Auswirkungen haben.
Kohlendioxidvergiftung
Die Kohlendioxidvergiftung kommt gewöhnlich bei Tauchern vor, die
versuchen Luft zu sparen, indem sie den Atem anhalten und die gebrauchte
Luft zu wenig gut ausatmen. Der erhöhte Kohlendioxidanteil kann sich
von Kopfweh über Schwindel, Übelkeit bis hin zu starkem Schwitzen
und Bewusstlosigkeit bemerkbar machen.
Kohlenmonoxidvergiftung
Das Atmen von verschmutzter komprimierter Luft kann eine Kohlenmonoxidvergiftung
hervorrufen (z. B. wenn der Kompressor Auspuffgase aufgenommen hat). Wenn
die verschmutzte Luft während des Tauchgangs eingeatmet wird (unter
Druck und daher in grösserer Menge), wirkt das Kohlenmonoxid giftiger
als wenn an der Oberfläche aus dieser Tauchflasche geatmet würde.
Das Kohlenmonoxid löst sich im Hämoglobin des Blutes und bewirkt,
dass das Hämoglobin keinen Sauerstoff mehr transportieren kann. Kohlenmonoxid
braucht etwas 8 bis 12 Stunden um wieder abgebaut zu werden, d.h. in dieser
Zeit stehen immer weniger rote Blutkörperchen zur Verfügung,
um Sauerstoff zu transportieren. Ausser verschmutzter Luft kann auch das
Rauchen eine Kohlenmonoxidvergiftung hervorrufen, da im Blut von Rauchern
der Kohlenmonoxidanteil erhöht ist.
Dekompressionskrankheit
Die Dekompressionskrankheit ist neben dem Lungentrauma die häufigste
ernsthafte Erkrankung, die durch das Tauchen hervorgerufen wird. Während
des Tauchgangs nimmt der Taucher Stickstoff auf, das beim Auftauchen wieder
in die Lungen zurückkehrt und ausgeatmet wird. Wenn Tauchzeit, Tauchtiefe
evtl. Dekostopps und Aufstiegsgeschwindigkeit eingehalten werden in Übereinstimmung
mit einer Tauchtabelle oder einem Tauchcomputer, ist die Chance eine Dekompressionskrankheit
zu erleiden sehr gering. Der im Gewebe gelöste Stickstoff wird durch
das langsame Auftauchen und evtl. Stopps über die Atmung abgebaut.
Die Wahrscheinlichkeit einer Dekompressionskrankheit erhöht sich
durch Dehydrierung (zu wenig Wasser), Fettleibigkeit, Alkohol, Kälte,
Müdigkeit, Medikamente, Übermüdung, Anstrengung nach dem
Tauchgang oder fortgeschrittenes Alter.
Die Symptome der Dekompressionskrankheit sind Jucken, Hautrötungen,
Gelenkschmerzen, Schwindel, Übelkeit, Schmerzen in den Atemwegen,
Husten etc.
Barotrauma
Ein Barotrauma ist eine Verletzung, die durch Druckunterschiede hervorgerufen
wird. Es besteht eine erhöhte Anfälligkeit für luftgefüllte
Hohlräume des Körpers ein solches zu erleiden. Barotraumen zählen
ausserdem zu den häufigsten Tauchunfällen. Da die Druckunterschiede
im Wasser sehr viel grösser sind als in der Höhe, treten Barotraumen
viel häufiger beim Tauchen als beim Fliegen auf.
Barotrauma der Lunge
Barotraumen der Lunge sind zwar nicht die häufigsten Unfälle
beim Tauchen, zählen jedoch zu den gefährlichsten. Viele tödlich
verlaufende Tauchunfälle haben ein Barotrauma der Lunge als Ursache.
Lungenrisse treten nur bei Gerätetauchern auf. Unter erhöhtem
Druck wird Luft über einen Lungenautomaten eingeatmet. Bei nicht
ausreichender Anpassung an den abnehmenden Umgebungsdruck durch Ausatmen
während des Auftauchens entsteht eine Überdehnung des Lungengewebes,
die einen Lungenriss verursachen kann.
Der Lungenüberdruck kann unter anderem bewirken, dass Luftbläschen
in die Luftbahnen eintreten und in Form einer Embolie zu einem Gefässverschluss
führen. Liegen die Verschlüsse weit peripher, sind die Folgeschäden
gering. Schwerwiegend sind Embolien, die in Herz, Gehirn, Nieren und Rückenmark
gelangen. Herz und Gehirn sind dabei am häufigsten symptomatisch
betroffen. Aufgrund einen embolischen Geschehens in den Koronararterien
kann ein Infarkt ausgelöst werden. Eine Embolie im Gehirn äussert
sich durch schwere, plötzlich einsetzende neurologische Ausfälle,
nicht selten halbseitige Paresen. Die Symptome des Lungenrisses oder der
Luftembolie treten im Gegensatz zur Deko-Krankheit immer plötzlich
auf.
Barotrauma der Ohren
Das Trommelfell ist eine Membran mit geringer Elastizität und daher
anfällig für Barotraumen. Es bildet die grenze zwischen äusserem
Ohr und Mittelohr. Das Mittelohr, auch als Paukenhöhle oder Cavum
Tympani bezeichnet, hängt durch die Eustachische Röhre (Ohrtrompete)
mit dem Nasen-Rachen-Raum zusammen. Die Ohrtrompete öffnet sich im
Normalfall durch Schlucken, Gähnen, Kaubewegungen oder Druckpressen
bei geschlossener Nase (Valsalva-Methode), wodurch ungleicher Druck auf
beiden Seiten des Trommelfells ausgeglichen wird.
Bereits unmittelbar nach dem Eintauchen ins Wasser herrscht ein erhöhter
Druck an der Aussenseite des Trommelfells, der mit dem Abtauchen kontinuierlich
zunimmt. Dadurch wölbt sich dieses nach innen und komprimiert die
Gehörknöchelchen. Der dabei auftretenden stechende Schmerz kann
bereits in 2 Metern Tiefe auftreten. Erfolgt nun kein Druckausgleich,
kann das Trommelfell perforieren. Eine Tiefe von 5 bis 6 Metern ist dazu
ausreichend.
Unmittelbar nach der Perforation des Trommelfells verschwindet der Schmerz,
da der Druck wieder ausgeglichen wird. Das ins Mittelohr eindringende
kalte Wasser kann Schwindel und Übelkeit hervorrufen, aber auch akute
Störungen des Orientierungsvermögens erzeugen. Einzige Hilfe,
um an die Wasseroberfläche zurückzufinden, ist oftmals die Orientierung
nach den aufsteigenden Blasen der ausgeatmeten Luft. Selten kommt es zu
akutem Labyrinthschock, der einen Bewusstseinsverlust verursacht. Diese
Symptome eines Barotraumas des Innenohrs sind oft nicht zu unterscheiden
von einer Gasembolie der Labyrinthgefässe. Es ist daher wichtig,
dass der Druck beim Abtauchen in regelmässigen Abständen ausgeglichen
wird. Zeigen die üblichen Methoden wie Kaubewegungen, Schlucken oder
Druckpressen bei geschlossener Nase keine Wirkung, muss eine geringere
tiefe aufgesucht werden. Falls immer noch kein Druckausgleich hergestellt
werden kann, ist es erforderlich, den Tauchgang abzubrechen.
Schnupfen und andere Entzündungen der oberen Luftwege bewirken eine
Anschwellung der Schleimhäute. Dadurch wird die Eustachische Röhre
verschlossen, und ein Druckausgleich ist nicht ausreichend möglich.
Niemals sollte der Taucher Ohrenstöpsel verwenden, denn zwischen
Stöpsel und Trommelfell entsteht ein kleiner Hohlraum. Die darin
enthaltene Luft unterliegt wie alle Gase dem Gesetz von Boyle-Mariotte.
Beim Abtauchen wird in diesem Hohlraum ein Unterdruck erzeugt, der zu
einem Barotrauma des Trommelfells, bis hin zur Perforation, führen
kann. Zusätzlich drückt der Ohrenstöpsel durch entstehende
Sogwirkung auf das Trommelfell, so dass dieses nach innen perforiert.
Ein grosser Zerumenpfropf kann ebenfalls einen mechanischen Verschluss
des äusseren Gehörganges verursachen und sich auf ähnliche
Weise wie ein Ohrstöpsel auswirken.
Im Gegensatz zum Abtauchen sind Barotraumen der Ohren während des
Auftauchens selten, da sich der Druck im Normalfall von selbst ausgleicht.
Barotrauma der Sinusse
Am häufigsten betroffen sind die Stirnhöhlen von Barotraumen
betroffen, etwas seltener die Kieferhöhlen (aufgrund der starren
Wände). Die Schleimhäute schwellen bei Erkältungen an,
und es kommt zu Exsudation und Blutungen. Charakteristische Anzeichen
für einen Unterdruck in diesen Nebenhöhlen, der bereits in einer
geringen Tiefe von 5 bis 6 Metern auftreten kann, sind langsam zunehmende
Kopfschmerzen. Wird trotzdem tiefer getaucht, kommt es zu einer Blutung
in der betroffenen Nebenhöhle. Da damit ein gewisser Druckausgleich
durch Komprimierung der Luft geschaffen wird, verschwindet der Schmerz
vorerst. Beim Auftauchen dehnt sich die eingeschlossene Luft durch den
abnehmenden Wasserdruck aber wieder aus, so dass ein Überdruck entsteht.
Die Schmerzen kehren daraufhin wieder zurück. Um diese Art von Barotrauma
zu vermeiden, müssen obstruktive Nasenerkrankungen chirurgisch behandelt
werden. Akute oder chronische Erkrankungen wie Otitis media (Mittelohrentzündung),
Rhinitis (Schnupfen) etc. bedürfen einer völligen Ausheilung
vor dem Tauchen.
Barotrauma der Zähne
Bei gesunden, intakten Zähnen tritt kein Barotrauma auf. Hingegen
kann ein Druckwechsel bei kariösen Zähnen oder schlechter Zahnfüllung
schmerzhafte Reizungen oder Kompressionen der Nervenfasern hervorrufen.
Barotrauma des Gesichtes und der Haut
Da bei zunehmender Tauchtiefe im Hohlraum zwischen Gesicht und Maske ein
Unterdruck entsteht, muss in regelmässigen Abständen Luft durch
die Nase in den Maskeninnenraum geblasen werden. Erfolgt dieser Druckausgleich
nicht, werden Augen und Gesichtsgewebe durch den ansteigenden Druck in
die Maske gesogen, wodurch es zu ödematösen Schwellungen der
Haut und Blutungen der Kapillaren oder im Augenbereich kommt (sogenannte
Squeeze). Tritt ein retrobulbäres Hämatom (Blutung hinter dem
Augapfel) auf, kann die Sehfähigkeit - zumindest vorübergehend
- eingeschränkt werden.
Barotrauma des Magen-Darm-Traktes
Die Wände des Magens und des Darms sind elastisch und dehnbar. Barotraumen
sind deshalb selten und treten höchstens auf, wenn vor dem Tauchgang
blähende Speisen konsumiert wurden, was kolikartige Schmerzen zur
Folge hat. Auch Magenrupturen wurden berichtet.
|